Hintergrund

Die eigentliche Täuschung

Die größte Illusion des Kunstdiskurses

Der Begriff der Dekoration gehört zu den selbstverständlichsten Begriffen der Kunst. Gerade deshalb gehört er zu den unpräzisesten. Kaum ein Wort wird häufiger verwendet, um Werke einzuordnen, abzuwerten oder aus dem eigentlichen Kunstdiskurs auszuschließen. Wer ein Werk als dekorativ bezeichnet, glaubt zu wissen, worüber er spricht. Tatsächlich beschreibt er meist weniger das Werk als seine eigene Wahrnehmung.

Der Begriff beruht auf einer Voraussetzung, die selten ausgesprochen wird. Er setzt voraus, dass es Gestaltungen geben könne, deren künstlerische Setzung so gering oder so unbedeutend sei, dass sie sich auf bloße Dekoration reduzieren ließen. Genau diese Voraussetzung hält einer theoretischen Prüfung jedoch nicht stand.

Eine Gestaltung ohne Setzung existiert nicht.

Jede Form setzt Beziehungen. Jede Farbe setzt Unterschiede. Jede Komposition setzt Ordnungen. Jede Materialwahl setzt Eigenschaften. Selbst die Wiederholung einer bereits bekannten Form ist eine neue Setzung, weil sie diese Form erneut in einen anderen Zusammenhang stellt. Auch die Entscheidung, nichts verändern zu wollen, bleibt eine Setzung. Der Begriff der Nicht-Setzung ist daher ein logischer Widerspruch.

Damit verliert auch der Begriff der Dekoration seine theoretische Grundlage.

Dekoration bezeichnet keine eigene Kategorie der Gestaltung. Sie existiert als eigenständige Kategorie nicht.


Die eigentliche Täuschung

Wenn jede Gestaltung notwendig eine Setzung ist, stellt sich zwangsläufig eine andere Frage. Warum erscheint uns manches dennoch dekorativ? Die Antwort liegt nicht im Werk. Sie liegt in der Geschichte unserer Wahrnehmung.

Jede neue Setzung verändert zunächst den Blick auf die Welt. Sie unterbricht Gewohnheiten, erzeugt Irritation und eröffnet eine neue Ordnung der Wahrnehmung. Genau darin besteht das, was gewöhnlich Avantgarde genannt wird.

Doch keine Setzung bleibt neu.

Mit jeder weiteren Wahrnehmung beginnt ein Prozess kultureller Aneignung. Die neue Ordnung wird verstanden, gelehrt, kopiert, reproduziert und schließlich selbstverständlich. Sie wandert aus dem Atelier in Museen, Kunstgeschichte, Architektur, Design, Werbung und Alltagskultur. Aus einer individuellen Erkenntnis wird kollektives Wissen.

Das Werk verändert sich dabei nicht. Die Kultur verändert sich. Gerade deshalb verschwindet die Setzung nicht. Sie verschwindet lediglich aus dem Bewusstsein.

Der größte Erfolg einer künstlerischen Setzung besteht darin, irgendwann nicht mehr als künstlerische Setzung erkannt zu werden.

Genau an diesem Punkt entsteht die Illusion der Dekoration.

Warum Dekoration keine Avantgarde ist

Die traditionelle Gegenüberstellung von Avantgarde und Dekoration beruht auf einem Kategorienfehler. Sie behandelt beide Begriffe als Gegensätze. Tatsächlich beschreiben sie zwei verschiedene historische Zustände derselben kulturellen Entwicklung.

Avantgarde bezeichnet den Moment, in dem eine neue Setzung auf eine Kultur trifft, die diese Ordnung noch nicht kennt.
Dekoration bezeichnet den Moment, in dem dieselbe Kultur diese Ordnung vollständig verinnerlicht hat.

Nicht das Werk ist dekorativ geworden. Die Wahrnehmung ist vertraut geworden.

Der Satz »Das ist nur Dekoration« beschreibt deshalb keinen objektiven Zustand eines Werkes. Er beschreibt den Verlust des Bewusstseins für seine ursprüngliche Setzung.

Wer Dekoration als Qualitätsurteil verwendet, verwechselt den Grad kultureller Vertrautheit mit dem Rang einer Setzung.

Dekoration ist keine Eigenschaft der Kunst.

Sie ist eine Eigenschaft ihrer kulturellen Aneignung.

Die notwendige Speicherform von Innovation

Gerade an diesem Punkt erhält Dekoration ihre eigentliche Bedeutung. Sie ist nicht der Gegenpol der Kunst. Sie ist ihre notwendige Speicherform.

Keine kulturelle Innovation könnte dauerhaft wirksam werden, wenn sie nicht in das gemeinsame Wahrnehmungswissen einer Gesellschaft überginge. Jede neue Setzung müsste immer wieder neu entdeckt werden. Kunstgeschichte wäre unmöglich. Kulturelles Lernen wäre unmöglich. Jede Generation müsste ihre visuelle Sprache vollständig neu entwickeln.

Genau das geschieht nicht. Eine Kultur bewahrt Innovation gerade dadurch, dass sie sie selbstverständlich macht.
Was ursprünglich als künstlerische Erkenntnis entstand, wird zur gemeinsamen Sprache einer Gesellschaft. Perspektive, Proportion, Typografie, Farbordnungen, architektonische Prinzipien oder Bildsprachen erscheinen irgendwann nicht mehr als Erfindungen. Sie erscheinen als natürliche Bestandteile der Wirklichkeit.

Eine Kultur erkennt ihre erfolgreichsten Setzungen irgendwann nicht mehr als Setzungen. Sie erkennt sie als Realität. Gerade darin liegt ihre größte Wirkung. Dekoration ist deshalb keine gescheiterte Avantgarde.

Sie ist die kulturell erfolgreichste Form einer Setzung.

Nachahmung ist kulturelles Lernen

Aus demselben Grund ist auch der Vorwurf der Nachahmung theoretisch unzureichend.

Keine Generation beginnt ihre Wahrnehmung bei Null. Jede Generation muss zunächst jene Setzungen übernehmen, die frühere Generationen hervorgebracht haben. Erst ihre Aneignung eröffnet überhaupt die Möglichkeit, diese später zu überschreiten.

Nachahmung ist deshalb kein Gegensatz zur Kreativität.

Sie ist ihre Voraussetzung.

Was häufig als bloße Wiederholung erscheint, erfüllt eine grundlegende erkenntnistheoretische Funktion. Es überführt individuelle Innovationen in kollektives Wissen und macht sie zum gemeinsamen Besitz einer Kultur.

Gerade das, was vorschnell als Dekoration abgewertet wird, bildet häufig den Boden, auf dem die nächste Avantgarde überhaupt erst entstehen kann.

Ohne kulturell angeeignete Setzungen gäbe es keine neue Avantgarde. Jede Avantgarde steht auf den dekorativ gewordenen Setzungen ihrer Vorgänger.

Die Zeitlichkeit der Avantgarde

Aus dieser Perspektive verliert auch die Vorstellung einer zeitlosen Avantgarde ihre Plausibilität. Avantgarde ist keine Eigenschaft eines Werkes. Sie ist ein zeitlicher Zustand innerhalb der Geschichte seiner Wahrnehmung.

Eine Setzung ist avantgardistisch, solange sie den Wahrnehmungshorizont ihrer Gegenwart überschreitet. Mit ihrer kulturellen Aneignung verliert sie diesen historischen Status. Nicht weil das Werk schwächer geworden wäre, sondern weil die Kultur sich durch das Werk verändert hat.

Jede erfolgreiche Avantgarde arbeitet daher an ihrer eigenen Auflösung. Je erfolgreicher sie ist, desto selbstverständlicher wird sie. Je selbstverständlicher sie wird, desto weniger wird sie als Avantgarde erkannt. Gerade ihr größter Erfolg macht sie unsichtbar.

Kein Mangel an Kunst

Der Begriff der Dekoration beschreibt keinen Mangel an Kunst. Er beschreibt das Vergessen ihrer Herkunft.

Die Geschichte der Kunst ist nicht die Geschichte eines Gegensatzes zwischen Avantgarde und Dekoration. Sie ist die Geschichte von Setzungen. Neue Setzungen entstehen. Sie verändern Wahrnehmung. Sie werden kulturell angeeignet. Sie werden Teil des gemeinsamen Wissens. Aus diesem gemeinsamen Wissen entstehen wiederum neue Setzungen.

Dekoration ist deshalb weder eine minderwertige Form der Kunst noch ihr Gegenpol. Sie ist der historische Zustand einer Setzung, nachdem sie vollständig in das kulturelle Gedächtnis eingegangen ist.

Die eigentliche Illusion besteht nicht darin, Dekoration zu sehen. Die eigentliche Illusion besteht darin zu glauben, Dekoration sei eine eigene Kategorie der Kunst.

Sie ist es nicht.

Dekoration ist keine eigene Kategorie der Kunst. Sie ist der Name für den Moment, in dem eine Kultur den Ursprung ihrer eigenen visuellen Sprache vergessen hat.