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Komplexität als Setzung

Tobias PostAufsatz3 Min. Lesezeit526 Wörter

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Mich interessieren Komplexität, Gruppenbildung und Rhythmus. Ich liebe Hierarchien und komplexe Systeme, die sich vom abstrakten Aufbau bis ins Detail sehen und verstehen lassen. Mein informatisches Denken prägt meine künstlerische Arbeit. Die Beziehungen zwischen einzelnen Elementen, Gruppen und übergeordneten Strukturen sind für mich ein eigenständiger Gegenstand der Setzung.

Die Radikalität minimaler Arbeiten fasziniert mich. Ich schätze die Konsequenz, mit der Künstlerinnen und Künstler reduzieren und ihr Werk verdichten. Daraus lerne ich viel. Konkrete Kunst ist für mich wesentlich für die Klarheit einer Entscheidung und die Konzentration auf eine Setzung.

Besonders möchte ich Jo Kuhn würdigen. Bei Hellweg Konkret III in den Westfälischen Salzwelten durfte ich meine Arbeit im Zusammenhang mit seinen Werken und Bildern von K. G. Schmidt zeigen. Die Konzentration auf Farbe bei Kuhn und die Faltungen Schmidts sind für mich faszinierend und prägend. Diese Erfahrungen schärfen meinen Blick auch für die eigene Arbeit, ohne dass ich daraus eine allgemeine Verpflichtung zur Reduktion ableite.

Ich selbst interessiere mich besonders für Gruppen, Rhythmen und Varianten innerhalb von Strukturen. Eine einzelne Form, ihre Zugehörigkeit zu einer Gruppe und das Verhältnis mehrerer Gruppen können gleichzeitig wirksam sein. Wiederholungen, Abweichungen und Überlagerungen gehören zu dieser Auseinandersetzung. Ich möchte diese Beziehungen nicht grundsätzlich so weit reduzieren, bis nur eine isolierte Setzung übrig bleibt.

Ich habe kein Problem damit, eine Setzung unübersichtlich werden zu lassen oder Widersprüche in ein System zu setzen. Das sind bewusste Entscheidungen. Der häufige Einwand, eine Arbeit überfordere die Betrachtenden, ist für mich deshalb kein hinreichender Grund, sie zu vereinfachen. Ein Teil meiner Radikalität besteht darin, an dem Punkt weiterzuarbeiten, der mich selbst interessiert. Überforderung nehme ich dabei in Kauf.

In meinem postdigitalen Setzungsmodell betrachte ich meine Arbeit aus den Bezugspunkten Informel, konkrete Kunst und Gegenständlichkeit. Der dort beschriebene hinzufügende Kontext ist für meine Beschäftigung mit Komplexität wesentlich: Durch zusätzliche Regeln, Gesten oder Beziehungen verändert sich das Vorhandene. Bedeutung kann sich durch Anreicherung erschließen. Weglassen ist dafür nicht der einzige Weg.

Ich bremse mich auch in meiner Produktion und im Austesten unterschiedlicher Welten nicht grundsätzlich. Aus Überfluss entstehen neue Kreativität, neue Blickwinkel und neue Setzungen. Ich möchte diese Möglichkeiten nicht vorab begrenzen, um meine Arbeit durchgehend auf eine reduzierte Formensprache zu verpflichten.

Digitale und KI-gestützte Verfahren beschleunigen dieses Erproben erheblich. Wo allein die materielle Ausarbeitung einzelner Bilder Monate beansprucht, lassen sich Varianten unter Umständen in Tagen durchspielen. Diese Veränderung der Lernbedingungen und die mögliche Beschleunigung künstlerischer Verdichtung darf man nicht unterschätzen. Die daraus entstehende Vielfalt kann nach zu viel aussehen, obwohl bereits eine intensive Auseinandersetzung in ihr steckt. Diese Arbeitsweise bringt andere mentale Herausforderungen mit sich.

Im einzelnen Kunstwerk halte ich mich bewusst zurück, wenn ich eine Setzung herausarbeiten möchte und nebenläufige Dinge sie überdecken würden. Hier begrenze ich, wähle aus und lasse weg. Diese Entscheidung für ein Werk übertrage ich jedoch nicht auf meine gesamte Produktion. Auch mehrere Beziehungen, Gruppen oder widersprüchliche Rhythmen können das sein, was ich in einer Arbeit herausarbeiten möchte.

Ich verdichte aus Überlegung und Überzeugung. Nicht durchgehend und nicht überall. Meine Wertschätzung für die Konsequenz minimaler Kunst und mein Interesse an komplexen Setzungen bestehen nebeneinander. Die Komplexität meiner Arbeit ist dabei kein unbewusstes Element. Sie gehört zu dem, was ich bewusst setze.

Zitiervorschlag

Post, Tobias (2026): Komplexität als Setzung. https://cube4arts.de/dokumente/komplexitaet-als-setzung

Autor

Tobias Post

Künstler · Digitale Lichtkunst · Malerei · Kuratorische Projekte

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